Der Blick hinter die Postkarte
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Alltagsleben

Der Blick hinter die Postkarte

Eine ehrliche Betrachtung darüber, wie sich das Leben in Dänemark anfühlt, wenn man nicht im Urlaub ist, sondern tatsächlich dort wohnt und arbeitet.

Ich wohne an der Ostküste. Dort, wo die Sonne aufgeht. Im Sommer tatsächlich deutlich früher, als mir manchmal lieb ist. Die Tage sind lang, die Nächte kurz und Schlafmangel ist um diese Jahreszeit keine Seltenheit.

Nur wenige sprechen von den fantastischen Sonnenaufgängen hier oben. Vielleicht liegt es daran, dass viele lieber die Jalousien geschlossen halten und sich nicht von der Morgensonne wecken lassen möchten. Oder sie wohnen einfach zu weit vom Kattegat entfernt.

An freien Tagen lasse ich die ersten Sonnenstrahlen gerne ins Haus. Der Sonnenaufgang gehört für mich mittlerweile ganz selbstverständlich zum Alltag.

Mit dem Sonnenuntergang ist das anders.

Bis zum nächsten Punkt, von dem aus man die Sonne im Meer versinken sehen kann, fahren wir etwa 25 Minuten. Und wahrscheinlich ist das nicht einmal der beste Ort dafür. Kurz vor und nach St. Hans ist es ohnehin so, dass die Sonne gefühlt schon fast wieder aufgeht, wenn sie gerade erst untergegangen ist.

Wenn man hier lebt und arbeitet, ist es gar nicht so einfach, beide Naturschauspiele mitzunehmen. Tatsächlich sehen wir den Sonnenuntergang heute deutlich seltener als früher. Zu dieser Zeit liegen wir meistens bereits im Bett. Dafür stehen wir früh auf, was unseren Arbeitszeiten sehr entgegenkommt.

Besuchern, Gästen und Urlaubern fällt das oft schwer zu verstehen. Sie fragen, warum wir nicht häufiger zum Sonnenuntergang fahren oder warum uns das nicht mehr so wichtig ist.

Dabei hat das nichts mit mangelnder Romantik zu tun.

Im Gegenteil.

Wir leben hier nicht im Urlaub. Während andere Ferien machen, beginnt für uns die arbeitsreichste Zeit des Jahres. So ist das nun einmal, wenn man in der Tourismusbranche tätig ist. Wenn andere frei haben, arbeitet man.

Wer morgens um fünf Uhr aufstehen muss, hat meist wenig Interesse daran, um 22.28 Uhr der Sonne beim Versinken im Meer zuzusehen und anschließend noch eine halbe Stunde nach Hause zu fahren.

Natürlich machen wir das manchmal. Vor allem dann, wenn wir lieben Besuch haben oder am nächsten Tag frei haben. Aber selbst an freien Tagen genieße ich es oft einfach nur die Füße hochzulegen.

Ähnlich ist es mit den berühmten Lieblingsplätzen.

Immer wieder werde ich gefragt, welcher mein Lieblingsplatz in Nordjütland sei.

Die ehrliche Antwort lautet: Ich habe keinen.

Nicht, weil es keine schönen Orte gäbe. Davon gibt es hier unzählige. Sondern weil mir schlicht die Zeit fehlt, regelmäßig irgendwo am Strand zu sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

Dänemark stellt auch hohe Ansprüche an diejenigen, die hier leben. Wer mehrere Jobs hat, ein Haus, einen Garten und viele Verpflichtungen, dessen Freizeit ist begrenzt.

Wenn ich Zeit zum Entspannen habe, verbringe ich sie am liebsten in meinem eigenen Garten.

Dort habe ich selbstverständlich einige schöne Plätze geschaffen. Ich kann dem Lauf der Sonne folgen, höre die Vögel zwitschern und beobachte die Goldfische in meinem kleinen Teich, der inzwischen wunderbar eingewachsen ist. Manchmal fische ich sogar ein "Wasserkalb" heraus, damit die Goldfische ihre Ruhe haben.

Auch ein großer Garten möchte gepflegt werden. Hier gibt es keinen Hausmeister, der den Rasen mäht oder die Hecken schneidet. Wenn alles ordentlich aussehen soll, müssen wir uns selbst darum kümmern.

Das kostet Zeit. Aber es macht uns auch Freude.

Viele Dänen in unserem Umfeld gönnen sich im Sommer mehrere Wochen auf dem Boot oder reisen ins benachbarte Ausland.

So weit sind wir noch nicht.

Wir sind noch nicht lange hier und haben noch einiges aufzubauen. Bevor man die Früchte seiner Arbeit genießen kann, muss man sie zunächst einmal wachsen lassen.

Das sage ich nicht mit Neid. Es ist einfach die Realität.

Wir haben uns bewusst entschieden, hier zu leben. Mit allem, was dazugehört.

Deshalb erleben wir Dänemark heute anders als Menschen, die hier Urlaub machen.

Wenn ich durch Skagen gehe und die gelben Häuser im Sonnenlicht vor dem tiefblauen Himmel sehe, freue ich mich immer noch über diesen Anblick. Er ist wunderschön.

Aber oft spaziere ich mit Gästen am Meer entlang, erzähle von der Landschaft und nehme sie selbst kaum noch bewusst wahr. Nicht, weil sie weniger schön geworden wäre, sondern weil sie Teil meines Alltags geworden ist.

Wenn das Meer plötzlich verschwinden würde, wäre das schrecklich oder wenn die hübschen gelben Häuser in pink gestrichen würden.

Ich bin wirklich dankbar, hier leben zu dürfen. Aber ich sehe es nicht mehr mit den Augen eines Urlaubers.

Ich wohne nämlich nicht nur hier. Ich lebe hier. Das ist ein Unterschied.

Ähnlich verhält es sich mit vielen Angeboten, die im Sommer für Urlauber geöffnet haben. Spätestens im September verschwinden die meisten davon wieder.

Dann zeigt sich sehr deutlich, welche Orte vom Tourismus leben und welche nicht.

Und noch etwas hat sich verändert.

Als wir Deutschland verlassen haben, verkauften wir unser Haus. Vieles, was sich über Jahrzehnte angesammelt hatte, wurde verschenkt, verkauft oder entsorgt.

Wir kamen mit erstaunlich wenig Besitz hier an.

Und ehrlich gesagt fühlte sich das gut an.

Leichter.

Freier.

Natürlich könnte ich heute vieles davon für kleines Geld beim Loppemarked, in den Glaspusterien oder bei unbekannten Künstlern wieder kaufen.

Aber genau das möchte ich gar nicht.

Manchmal merkt man erst, wie wenig man wirklich braucht, wenn man einmal fast alles zurückgelassen hat.

Ich wohne nämlich nicht nur hier. Ich lebe hier. Das ist ein Unterschied.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.