Mein Lieblingstier ist der Elefant. Eigentlich schon, seit ich denken kann. Für mich ist er nicht nur ein beeindruckendes und kluges Tier, sondern auch ein Glücksbringer. Wenn ich mich richtig erinnere, soll ein Elefant nach indischem Glauben immer hinaus ins Licht schauen. Dann, so heißt es, bringt er demjenigen Glück, dem er gehört.
Vielleicht hat mich deshalb der Elefant am höchsten und ältesten königlichen Ritterorden Dänemarks besonders neugierig gemacht: dem Elefantordenen. Denn Elefanten gehören nun wirklich nicht zur dänischen Tierwelt. In Dänemark begegnet man ihnen höchstens im Zoo, nicht aber in freier Natur. Wie kommt also ausgerechnet ein Tier aus fernen Ländern zu dieser königlichen Ehre?
Die Frage führte mich in eine Welt aus mittelalterlichen Tiergeschichten, christlicher Symbolik und königlicher Tradition. Dabei wurde eines deutlich: Es gibt einiges, das wir wissen. Und manches, das zwar wunderbar klingt, aber deshalb noch nicht historisch belegt ist.
Der kleine Elefant ist jedenfalls ein bemerkenswertes Schmuckstück: aus Gold, weiß emailliert, mit Diamanten verziert. Auf seinem Rücken trägt er einen Turm, davor sitzt ein Elefantenführer. Verliehen wird der Orden vor allem an königliche Persönlichkeiten und Staatsoberhäupter. Der Turm und der Führer kennzeichnen das Tier als Kriegselefanten - ein Bild, dessen Wurzeln bis in die Antike reichen.
Seine dänische Geschichte beginnt jedoch in einem ausgesprochen religiösen Umfeld.
Um 1460 gründete Christian I. die Gemeinschaft „Guds Moders Selskab“, die Gesellschaft der Mutter Gottes. Denn Dänemark war damals katholisch. Das Ordenszeichen zeigte Maria mit dem Jesuskind auf einem Medaillon, getragen an einer Kette aus turmtragenden Elefanten.
Dieses Detail ist wichtig: Maria saß nicht auf einem Elefanten. So reizvoll die Vorstellung einer Himmelskönigin auf einem exotischen Thron auch wäre, aber die Beschreibung des Königshauses gibt das nicht her. Maria bildete das Zentrum des Medaillons, die Elefanten gehörten zur Kette.
Aber warum passten Elefanten überhaupt in eine christliche Ordenskette?
Im Mittelalter las man Tiere gewissermaßen wie Bilderbücher des Glaubens. Ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Eigenschaften konnten etwas über Tugend, Sünde und Erlösung erzählen. Naturbeobachtung und religiöse Auslegung gingen dabei ineinander über. Der Elefant stand unter anderem für Keuschheit und Reinheit; auch eine Verbindung des turmtragenden Elefanten zur Jungfrau Maria beschreibt das dänische Königshaus.
Besonders eindrücklich finde ich eine Geschichte aus den mittelalterlichen Bestiarien, den damaligen Tierbüchern. Man glaubte, Elefanten hätten keine Kniegelenke und müssten deshalb an einen Baum gelehnt schlafen. Stürzten sie, könnten sie allein nicht wieder aufstehen.
In der Erzählung gelingt es schließlich einem kleinen Elefanten, den gefallenen großen aufzurichten. Dieser kleine Helfer wurde als Christus verstanden, der die gefallene Menschheit erlöst. Das Getty Museum erläutert diese Deutung anhand mittelalterlicher Darstellungen.
Zoologisch ist das natürlich Unsinn. Als Bild für Hilfe, Erlösung und die Kraft des vermeintlich Kleinen ist es dagegen erstaunlich einprägsam. Und plötzlich wirkt der Elefant in einem religiösen Zusammenhang gar nicht mehr so fremd.
Ob gerade diese Geschichte zur Wahl des dänischen Ordenstiers führte, wissen wir allerdings nicht. Sie macht jedoch verständlich, warum ein Elefant im mittelalterlichen Denken als passendes religiöses Symbol erscheinen konnte. Eine persönliche Begründung Christians I. für seine Wahl lässt sich daraus aber nicht ableiten.
Dann kam die Reformation. Ab 1536 geriet der katholisch geprägte Orden außer Gebrauch. 1580 belebte Frederik II. ihn wieder, nun mit dem turmtragenden Elefanten selbst als Ordenszeichen. Damit blieb eine sichtbare Verbindung zur älteren Gemeinschaft erhalten, während das Marienmedaillon verschwand. Der Elefant konnte zugleich protestantisch als Bild für Gottes feste Burg gedeutet werden.
Der Turm war also keine späte Erfindung, mit der man Maria auf dem Rücken des Tieres ersetzte. Er gehörte bereits zu den Elefanten der ursprünglichen Kette.
1693 gab Christian V. dem Orden schließlich seine ersten schriftlichen Statuten und verbindliche Regeln für die Gestaltung der Ordenszeichen. Die häufig genannte Jahreszahl bezeichnet somit einen wichtigen Schritt in seiner Ausgestaltung, nicht den Anfang seiner Geschichte.
Und nun zurück zu meiner ursprünglichen Frage: warum ausgerechnet ein Elefant?
Dazu äußert sich das Königshaus bemerkenswert offen: Weder die Statuten noch das sonst verfügbare Material liefern eine eindeutige Erklärung für die ursprüngliche Wahl. Unterschiedliche Deutungen sind deshalb problemlos möglich. Von einer nachgewiesenen wissenschaftlichen Kontroverse zu sprechen, wäre aber ebenso voreilig, wie eine besonders schöne Erklärung zur Gewissheit zu machen.
Für mich macht gerade diese offene Stelle den Orden interessant. Wir können seine Entwicklung verfolgen und seine Bilder besser verstehen und trotzdem bleibt ein Rest offen, den wir nicht einfach mit einer guten Geschichte füllen sollten.
Wenn ich künftig irgendwo eine Abbildung des weißen Elefanten entdecke, werde ich wohl an diesen kleinen Umweg durch die Geschichte denken. Und an den kleinen Elefanten, der einen großen wieder auf die Beine bringt.
Eine eindeutige Antwort gibt es also nicht. Aber vielleicht ist genau das passend: Der Elefant trägt seinen Platz im dänischen Orden bis heute mit einer Mischung aus Geschichte, Symbolik und einem kleinen Rätsel.