Seit ich in Dänemark lebe, fällt mir immer wieder dieses grüne Band mit den gelben Sonnenblumen auf. Menschen tragen es beim Einkaufen, unterwegs und auch bei Museumsbesuchen. Hier erscheint es mir fast allgegenwärtig. In Deutschland hatte ich es lange kaum wahrgenommen; erst im Norden, in der Gegend um Schleswig und Flensburg, fiel es mir ebenfalls auf.
Dies ist übrigens meine persönliche Beobachtung und sie hat mich neugierig gemacht, weil man in letzter Zeit immer mal was in den sozialen Netzwerken gerade von zugezogenen Deutschen darüber hört. Denn was man aus der Heimat nicht kennt, wird hier dann oft gefeiert …
Was bedeutet dieses Band also? Wer hatte die Idee dazu? Und hilft es den Menschen, die es tragen?
Auf Dänisch heißt es „Solsikkesnoren“. Und es gehört zur internationalen Initiative „Hidden Disabilities Sunflower“. Wer es trägt, kann freiwillig signalisieren, dass etwas mehr Zeit, Verständnis oder Unterstützung hilfreich sein könnte. Niemand muss dabei seine Diagnose öffentlich erklären. Das Zeichen sagt auch nichts darüber aus, wie selbstständig dieser Mensch ist.
Es kann beispielsweise um Autismus, eine Hörbeeinträchtigung, Demenz oder eine psychische Erkrankung gehen. Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Manchmal hilft eine ruhige Erklärung, manchmal etwas Abstand oder einfach die Geduld, eine Antwort abzuwarten.
Die Idee entstand am Flughafen London Gatwick. Im Mai 2016 starteten der Flughafen und sein damaliger Assistenzdienst OCS das Sonnenblumenband als freiwilliges Angebot. An der Entwicklung waren unter anderem die Alzheimer’s Society, die National Autistic Society und Action on Hearing Loss beteiligt. Es war also eine gemeinsame Initiative. Reisende sollten Unterstützung erhalten können, ohne ihre Schwierigkeiten bei jeder Begegnung neu erklären zu müssen.
Heute reicht das Programm weit über Großbritannien hinaus. Die internationale Website führt in Europa unter anderem Dänemark, Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, die Niederlande, Luxemburg, Irland, Norwegen, Schweden, Finnland, Island, Polen, Spanien und das Vereinigte Königreich auf. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Band überall gleich bekannt ist oder jedes Geschäft daran teilnimmt.
Warum begegnet es mir gerade in Dänemark so häufig? Eine mögliche Erklärung ist seine Verbreitung im Einzelhandel. Die Salling Group begann im Oktober 2022, die Bänder in mehr als 750 dänischen Geschäften auszugeben. Nach eigenen Angaben hat sie inzwischen über 250.000 verteilt. Dazu gehören bekannte Ketten wie Netto, føtex, Bilka und BR. Das zeigt eine beachtliche Verbreitung, beweist aber noch nicht, dass jede Begegnung für die Menschen mit dem Band leichter wird.
Auch andere Einrichtungen können sich an der Initiative beteiligen. Dazu gehören beispielsweise Flughäfen, Bahnhöfe, öffentliche Behörden, Bildungseinrichtungen, Veranstaltungsorte und Museen. Je nach Ort kann das Band dort erhältlich sein oder es gibt Mitarbeitende, die seine Bedeutung kennen.
Die konkrete Unterstützung ist jedoch nicht überall gleich geregelt. Deshalb lohnt es sich, vor einem Besuch auf der Website der jeweiligen Einrichtung nachzusehen oder direkt nachzufragen.
Wichtig ist außerdem: Das Band ist kein einheitlicher „Code“ für eine bestimmte Hilfe. Es sagt nicht automatisch, dass jemand eine Begleitperson, einen Sitzplatz, bevorzugten Einlass oder eine bestimmte Ausnahmeregelung benötigt. Es ist vielmehr eine offene Einladung, aufmerksam zu sein und gegebenenfalls vorsichtig nachzufragen. Die tragende Person entscheidet selbst, ob sie Unterstützung möchte und welche Art von Unterstützung hilfreich ist.
Es gibt aber konkrete positive Erfahrungen. In einem Bericht der Salling Group erzählt der autistische Mitarbeiter Casper Jensen, dass ihm das Band Erklärungen erspart und andere ihm mehr Zeit zum Antworten oder für eine Aufgabe geben. Das ist eine persönliche Erfahrung aus einer Unternehmensveröffentlichung, keine unabhängige Untersuchung. Aber sie macht verständlich, was dieses Zeichen bewirken kann.
Aus dem Museumsalltag kenne ich auch Besucherinnen und Besucher mit Behinderungen, bei denen freier oder ermäßigter Eintritt eine Rolle spielt. Dabei sollte man zwei Dinge auseinanderhalten: Das Sonnenblumenband selbst ist kein amtlicher Behindertenausweis und begründet allein keinen Anspruch auf eine Vergünstigung. Welche Eintrittsregelungen für Betroffene oder Begleitpersonen gelten und welche Nachweise nötig sind, muss man beim jeweiligen Museum erfragen. Für das Tragen des Bandes verlangt die Initiative keinen medizinischen Nachweis.
An dieser Stelle möchte ich außerdem auf ein Kinderlied hinweisen, das gern von Kindern, manchmal aber auch von Erwachsenen, vor sich hin geträllert wird: „Sonnenblume“, auf Dänisch „Solsikke“. Mit der Initiative „Hidden Disabilities Sunflower“ und dem grünen Sonnenblumenband hat es jedoch nichts zu tun. Die gemeinsame Sonnenblumen-Symbolik ist lediglich ein Zufall und sollte nicht zu einer inhaltlichen Verbindung führen. Das Lied ist ein eigenständiges Kinderlied und kein Teil der Initiative.
Und wer ein wenig Dänisch spricht, kann auch den Sinn hinter dem Kinderlied verstehen.
Ebenso gibt es Halsketten mit Sonnenblumenanhängern. Eine Sonnenblume kann einfach ein schönes Schmuckmotiv sein. Aus einer solchen Kette allein lässt sich nicht ableiten, ob jemand eine Behinderung hat. Entscheidend ist, ob jemand bewusst das Erkennungszeichen der Initiative verwendet. Ebenso wenig bedeutet das Fehlen eines Bandes, dass ein Mensch keine Unterstützung benötigt.
Finde ich die Idee gut? Nun ja, ich sehe darin eine hilfreiche Möglichkeit, wenn Menschen selbst entscheiden können, ob und wann sie sie nutzen möchten. Sich nicht ständig erklären zu müssen, kann eine große Entlastung sein.
Gleichzeitig möchte nicht jeder seine Beeinträchtigung sichtbar machen. Ein solches Zeichen kann auch unerwünschte Aufmerksamkeit oder vorschnelle Annahmen auslösen. Deshalb darf daraus keine Erwartung werden, dass Menschen sich erst kennzeichnen müssen, bevor ihre Bedürfnisse ernst genommen werden.
Ein Band allein macht außerdem noch keinen Ort barrierefrei. Es braucht Menschen, die seine Bedeutung verstehen und respektvoll reagieren. Dazu gehört auch, nicht automatisch über die betroffene Person hinwegzuentscheiden. Statt nach einer Diagnose zu fragen oder ungefragt alles zu übernehmen, reicht vielleicht zunächst: „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Danach sollte man die Antwort respektieren, auch wenn die gewünschte Hilfe nur darin besteht, in Ruhe gelassen zu werden.
Für mich steckt genau darin der Wert dieser kleinen Sonnenblumen: Sie erinnern uns daran, dass wir einem Menschen nicht ansehen können, was ihn Kraft kostet. Und dass ein wenig Geduld sehr viel verändern kann - mit oder ohne grünem Sonnenblumenband.