Mehr als Meer, Wind und Hygge
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Auswanderer-Tipps

Mehr als Meer, Wind und Hygge

Zwischen Urlaub und echtem Auswandern liegt eine Welt. Ein ehrlicher Blick auf die Herausforderungen, Missverständnisse und Veränderungen, die mit der Auswanderung nach Dänemark einhergehen.

Immer wieder lese ich in deutschen Gruppen und Kommentaren, dass Dänemark das gelobte Land sei.

Das Land der glücklichen Menschen. Das Land der Hygge. Das Land der Freundlichkeit, Gelassenheit und des besseren Lebens.

Und ja. Vieles ist hier tatsächlich anders.

Manches ruhiger. Manches menschlicher. Manches unkomplizierter.

Aber eines ist Dänemark ganz sicher nicht:

Ein endloser Urlaub.

Denn auch der schönste Urlaub endet irgendwann. Und dann beginnt Alltag.

Genau das vergessen viele Menschen, die sich über Jahre hinweg im Sommerurlaub in dieses Land verliebt haben. Man sitzt am Strand, besucht kleine Häfen, isst Softeis, genießt die entspannte Atmosphäre und denkt irgendwann:

„Hier möchte ich leben.“

Aber zwischen Urlaub und Auswanderung liegt eine Welt.

Urlaub bedeutet Leichtigkeit. Auswandern bedeutet Veränderung. Tiefe Veränderung.

Und diese Veränderung tut manchmal weh.

Natürlich gibt es Menschen, die direkt hinter der Grenze leben, weiterhin in Deutschland arbeiten, dort ihre Freunde, Vereine und ihr soziales Leben behalten und im Grunde nur ihren Wohnort nach Dänemark verlegt haben.

Das ist völlig legitim.

Aber das ist nicht dasselbe wie wirklich auszuwandern.

Denn echte Auswanderung beginnt oft erst dort, wo man merkt, dass plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist.

Die Sprache zum Beispiel.

Am Anfang kann man sich kaum ausdrücken. Man kann nicht sagen, was man wirklich denkt. Nicht spontan reagieren. Nicht erzählen, wie es einem geht. Nicht einfach „man selbst“ sein.

Und genau das macht einsam.

Man steht plötzlich da wie ein Kind, das zwar Wörter kennt, aber keine echte Persönlichkeit mehr transportieren kann.

Man möchte sich unterhalten. Möchte dazugehören. Möchte lachen, diskutieren, scherzen.

Aber die Sprache fehlt.

Und dann sitzt man zuhause und merkt plötzlich, wie sehr man all die kleinen Dinge vermisst.

Den vertrauten Bäcker. Den blöden Spruch an der Supermarktkasse. Alte Freunde. Familie. Vertraute Stimmen.

Man vermisst manchmal sogar die Möglichkeit, auf den Friedhof zu gehen und „nach seinen Toten zu sehen“.

Und wenn draußen dann noch tagelang Wind, Regen und grauer Himmel herrschen, bekommt man manchmal das heulende Elend und denkt:

„Das wird niemals besser.“

Ja, ich habe meine Auswanderung bereut. Mehr als einmal.

Ich habe oft nachts wachgelegen. Ich habe geweint. Ich habe gezweifelt. Ich habe mich gefragt, ob dieser Schritt richtig war.

Und darüber sprechen erstaunlich wenige Menschen ehrlich.

Stattdessen liest man oft, wie unglaublich beliebt die Deutschen in Dänemark angeblich seien.

Wie sehr man deutsches Know-how bewundere. Wie begeistert die Dänen von deutscher Feierkultur wären. Wie sehr man uns hier schätze.

Und ehrlich gesagt finde ich manches davon ziemlich schräg.

Natürlich ist es spannend, wenn neue Nachbarn kommen. Natürlich wird man freundlich empfangen. Und ja, wenn deutsche Familien zum ersten Mal groß einladen, wenn viel gekocht, geredet und gefeiert wird, dann ist das interessant.

Vielleicht sogar beeindruckend.

Aber viele Deutsche verwechseln Aufmerksamkeit mit Bewunderung.

Nur weil jemand freundlich mitmacht, heißt das nicht automatisch, dass er genauso leben möchte.

Denn die Art, wie man in Dänemark Gemeinschaft lebt, ist oft eine ganz andere.

Leiser. Zurückhaltender. Weniger Selbstdarstellung. Weniger großes Auftreten.

Und genau da entstehen viele Missverständnisse.

Der Deutsche glaubt manchmal noch, man würde ihn feiern, während er sich in den Augen mancher Dänen längst disqualifiziert hat, ohne es zu merken.

Nicht aus Bosheit. Sondern weil man anders kommuniziert.

Viele Deutsche treten sehr direkt auf. Sehr präsent. Sehr überzeugt von sich selbst. Das funktioniert in Deutschland oft gut. In Dänemark wirkt es dagegen schnell laut oder anstrengend.

Und dann gibt es noch etwas, worüber kaum jemand spricht:

Die Ellenbogenmentalität.

Dieses „Ich hole das Beste für mich raus“. Dieses ständige Beschweren. Dieses Rosinenpicken. Dieses Bedürfnis nach Sonderbehandlung.

Das kommt hier oft überhaupt nicht gut an.

Denn Dänemark funktioniert gesellschaftlich in vielen Bereichen anders.

Hier zählt der Gedanke, dass niemand wichtiger ist als der andere.

Gleichheit ist hier nicht nur ein politisches Wort. Es ist ein gesellschaftliches Grundgefühl.

Und genau dort kommt irgendwann auch das Janteloven ins Spiel.

Viele Deutsche tun sich unglaublich schwer damit.

Weil wir gelernt haben, uns hervorzuheben. Uns zu präsentieren. Uns sichtbar zu machen. Erfolgreich zu wirken.

In Dänemark wirkt genau das manchmal schnell unangenehm.

Nicht weil die Dänen keine erfolgreichen Menschen mögen. Sondern weil man sich selbst nicht ständig größer machen muss als andere.

Und dann ist da noch der Tourismus.

Natürlich lebt man in vielen Regionen von deutschen Gästen. Man begegnet ihnen freundlich, offen und serviceorientiert. Niemand möchte seine Gäste vergraulen.

Aber auch das wird oft missverstanden.

Freundlichkeit bedeutet nicht automatisch Begeisterung.

Denn manches stößt hier durchaus negativ auf.

Zum Beispiel wenn Verkehrsschilder, Leuchttürme oder öffentliche Plätze mit Aufklebern deutscher Fußballvereine oder anderen Stickern beklebt werden.

Man findet das hier nicht charmant.

Und leider fällt dabei immer wieder auf, dass die Verursacher Deutsche sind.

Auch deshalb schauen viele Dänen inzwischen sehr genau hin.

Und dann dieses Wort, das inzwischen wirklich aus jeder Ecke schallt:

Hygge.

Fast jeder benutzt es. Kaum jemand versteht es wirklich.

Denn Hygge ist kein Einrichtungsstil.

Hygge bedeutet nicht Kerzen, Wolldecken und Zimtschnecken.

Hygge ist im Kern ein Gefühl.

Ein Gefühl von Sicherheit. Von Vertrauen. Von Ruhe. Von Gleichheit.

Es bedeutet, mit Menschen zusammen zu sein, ohne sich beweisen zu müssen.

Ohne große Masken. Ohne Status. Ohne Selbstdarstellung.

Und genau deshalb kann man Hygge auch nicht kaufen.

Man kann es nur erleben.

Aber dafür muss man sich integrieren.

Man muss die Sprache lernen. Man muss zuhören. Man muss verstehen wollen. Man muss akzeptieren, dass die Dinge hier anders funktionieren.

Und das dauert.

Sehr lange manchmal.

Auswandern bedeutet eben nicht nur, seine Adresse zu ändern.

Es bedeutet, sich selbst zu verändern.

Und genau daran scheitern viele.

Nicht an Dänemark. Sondern an ihrer Vorstellung davon, was Dänemark eigentlich ist.

Auswandern bedeutet eben nicht nur, seine Adresse zu ändern. Es bedeutet, sich selbst zu verändern.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.