Wer jung nach Dänemark kommt, hier seine Kinder aufwachsen sieht und im Alltag „mitschwimmt“, der verwächst mit der dänischen Sprache wie mit einer zweiten Haut.
Doch das Leben schreibt unterschiedliche Biografien. Wer erst im mittleren Alter, als gestandener Erwachsener oder gar als Rentner den Schritt in den Norden wagt, macht eine ganz andere Erfahrung. Die Sprache wird nicht einfach „aufgesaugt“, sie muss mühsam erarbeitet werden.
Und genau hier beginnt eine Schwierigkeit, über die man selten spricht, bis man selbst plötzlich davon betroffen ist: Der Dialog im Sprechzimmer.
Es muss nicht immer die große, schwere Diagnose sein.
Oft sind es die kleinen Beschwerden, die typischen „Zipperlein“ des Älterwerdens, die uns zum Arzt führen.
Aber wie erklärt man ein diffuses Ziehen, ein leichtes Stechen oder dieses ganz spezifische Unwohlsein, für das man im Deutschen hundert Nuancen hätte?
In der Fremdsprache wird aus der bunten Welt der Empfindungen plötzlich ein Schwarz-Weiß-Film.
Wir bereiten uns vor. Wir sitzen zu Hause, schreiben auf Deutsch auf, was uns fehlt, und lassen es mühsam von einer App oder dem Internet ins Dänische übersetzen. Mit diesem Zettel bewaffnet sitzen wir dann dem Arzt gegenüber.
Das Szenario ist fast immer gleich:
- Der Arzt liest den Zettel.
- Er stellt eine oder zwei Rückfragen auf Dänisch.
- Wir verstehen vielleicht nur die Hälfte, nicken aber dankbar, um die Situation nicht zu blockieren.
- Am Ende verlässt man die Praxis mit einem Rezept, aber ohne das Gefühl, wirklich gehört worden zu sein.
Ein Arztgespräch ist seinem Wesen nach ein Dialog. Wenn dieser Dialog durch eine Sprachbarriere zur Einbahnstraße wird, verlieren wir ein Stück unserer Souveränität.
Man fühlt sich nicht mehr als mündiger Patient auf Augenhöhe, sondern eher wie ein Objekt, das verwaltet wird.
Theoretisch haben deutsche Rentner in Dänemark oft die Möglichkeit der doppelten Krankenversicherung, die es erlaubt, einen Hausarzt im grenznahen Deutschland aufzusuchen. Doch Theorie und Praxis klaffen hier mitunter weit auseinander.
Wenn man hier oben bei uns in der Kommune Frederikshavn oder in Skagen lebt, sind es bis zur Grenze rund 400 Kilometer.
Das ist kein Katzensprung für eine Routineuntersuchung. Es ist ein enormer Zeitaufwand, ein Kostenfaktor und wenn es einem ohnehin nicht gut geht, schlichtweg eine körperliche Belastung, die in keinem Verhältnis steht.
Man ist darauf angewiesen, dass die medizinische Versorgung vor Ort funktioniert.
In Dänemark ist das Wort Tryghed - Sicherheit und Geborgenheit - ein hohes Gut. Doch wahre Sicherheit entsteht durch Vertrauen, und Vertrauen braucht Sprache.
Wenn wir uns beim Arzt nicht präzise ausdrücken können, schwindet dieses Sicherheitsgefühl.
Man nimmt die Unsicherheit mit nach Hause: Habe ich alles richtig verstanden? Hat er wirklich begriffen, wo es wehtut? Dieser Stress ist für den Heilungsprozess alles andere als förderlich.
Die Sprache ist der Schlüssel zur Gesundheit. Es braucht Mut, in der Praxis zuzugeben, wenn man nicht alles verstanden hat. Aber es braucht auch ein System, das anerkennt, dass ein Dialog mehr ist als nur der Austausch von Fakten. Es ist ein menschliches Bedürfnis, sich in seiner Not verständlich zu machen.