Zwei Grabmäler. Ein Déjà-vu.
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Zwei Grabmäler. Ein Déjà-vu.

Tourguide in Nordjütland entdeckt überraschende Ähnlichkeiten zwischen zwei Renaissancegrabmälern aus dem 16. Jahrhundert - eines in ihrer neuen Heimat Dänemark, eines in ihrer alten Heimat in der Pfalz. Eine kunsthistorische Spurensuche nach möglichen Verbindungen.

Ab und zu lese ich noch die Tageszeitung aus meiner alten Heimat online. Nicht jeden Tag, aber gern am Abend, wenn Ruhe eingekehrt ist und ich Zeit und Muße habe. Manchmal komme ich auch erst etwas später dazu. So saß ich am Montag nach dem Frühstück mit der RHEINPFALZ vom vergangenen Samstag da, blätterte durch die Seiten und blieb plötzlich an einem Foto hängen.

Ein mächtiger steinerner Aufbau, reich geschmückt. Christus am Kreuz. Links ein kniender Mann, rechts eine kniende Frau. Dieses Bild kam mir verblüffend vertraut vor. Ich musste sofort an ein Kunstwerk denken, das ich hier in Nordjütland selbst fotografiert hatte: das Grabdenkmal in der Kirche von Voer, nahe Schloss Voergaard.

Doch das Zeitungsfoto zeigte die Schlosskirche in Meisenheim.

Ich arbeite hier in Dänemark als Tourguide und beschäftige mich gern mit den Orten und Geschichten, die ich meinen Gästen näherbringe. Dabei möchte ich auch wissen, was hinter dem Sichtbaren steckt: Wer hat etwas geschaffen?

Warum gerade hier?

Welche Menschen, Ideen und Wege verbinden die Orte miteinander?

Mir ist wichtig, fundiertes Wissen weiterzugeben.

Deshalb ließ mich dieses Foto nicht mehr los. Zwischen meiner alten Heimat und meinem heutigen Zuhause schien sich plötzlich eine Verbindung aufzutun. War das nur eine auffällige Ähnlichkeit? Oder steckte eine gemeinsame Geschichte dahinter?

Auf den ersten Blick wirken die beiden Werke wie prächtige Altäre. Tatsächlich handelt es sich um Grabdenkmäler, auch Epitaphien genannt. Mit dieser ersten Klärung begann meine kleine kunsthistorische Spurensuche.

Der Zeitungsartikel erschien am 26. September 2026 zum 500. Geburtstag von Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken. Unter der Überschrift „Er brachte nicht nur die Reformation voran“ erzählte die RHEINPFALZ von seinem Leben und Wirken. Das Foto zeigte das Grabmal für ihn und seine Gemahlin Anna von Hessen in Meisenheim.[1]

Geschaffen wurde es von Johann von Trarbach, der eine bedeutende Bildhauerwerkstatt in Simmern betrieb. Die Neue Deutsche Biographie datiert das Werk auf 1571 bis 1575; das kunsthistorische Handbuch Dehio nennt 1575 als Jahr der Aufstellung. Das rund 6,60 Meter hohe Monument besteht aus Tuffstein und besitzt Inschriftplatten aus Schiefer. Im Zentrum kniet das Ehepaar unter einem großen Kruzifix, umgeben von einer reich geschmückten Architektur mit Ahnenwappen.[2][3]

Das Denkmal in Voer Kirke zeigt dagegen Otte, auch Otto, Banner und Ingeborg Skeel. Banner starb 1585, seine Frau 1604. Ingeborg Skeel ließ die Grabkapelle für ihren verstorbenen Mann und sich selbst einrichten. Als mögliche Schöpfer des Monuments nennen dänische Quellen Philip beziehungsweise Philipp Brandin und Herman Gertsen, auch „Herman Stenhugger“ genannt.[4][5]

Diese Zuschreibung ist jedoch nicht gesichert. Die Quellen verwenden ausdrücklich vorsichtige Formulierungen. Ein eindeutiger Vertrag oder eine Rechnung, die einen der beiden als Urheber bestätigt, ist mir in der Recherche nicht begegnet.

Auch bei den Jahreszahlen lohnt sich genaues Hinsehen. Die häufig genannte 1586 steht im Zusammenhang mit der Einrichtung beziehungsweise Veränderung der Grabkapelle. Sie ist kein sicher belegtes Fertigstellungsjahr des Epitaphs. P. Christensen vermutete in seiner Untersuchung von 1930, das Monument müsse damals bereits in Arbeit gewesen sein, falls die Kapelle 1586 errichtet wurde: Ihre ungewöhnliche Höhe erscheine auf seine Maße abgestimmt. Das ist eine nachvollziehbare Überlegung des Autors, aber kein datierter Fertigstellungsbeleg.[4][6]

Meisenheim ist nach dieser zeitlichen Einordnung das ältere Werk. Als es 1575 aufgestellt wurde, lebte Otte Banner noch. Der Entstehungszusammenhang des Voer-Grabmals führt dagegen in die Zeit nach seinem Tod 1585. Ungefähr ein Jahrzehnt oder mehr liegt somit zwischen beiden. Meisenheim könnte zeitlich als Vorbild infrage kommen. Dass es tatsächlich eines war, beweist diese Reihenfolge allein nicht.

Was mich an meinen beiden Ausgangsbildern besonders fasziniert, ist ihre Gesamtwirkung. In beiden kniet der Mann links und die Frau rechts. Beide wenden sich zur Mitte. Über ihnen erscheint Christus am Kreuz. Eine hohe, weitgehend symmetrische Architektur umfasst die Szene; darüber erhebt sich ein weiterer Aufbau, darunter liegt ein breiter Sockel mit Inschriften. Es ist dieses Zusammenspiel, das mich beim Blick in die Zeitung sofort nach Voer versetzt hat.

Bei genauerem Hinsehen zeigen sich zugleich Unterschiede. In Voer gliedern vier runde Säulen den Aufbau. Seitlich stehen Figuren in Nischen. Zwischen dem knienden Paar befindet sich ein Gebetspult, während die Kreuzigung mit weiteren Figuren als Relief im Hintergrund erscheint. In Meisenheim beherrscht das große Kruzifix die Mitte viel unmittelbarer. Wappengeschmückte Pfeiler rahmen die Szene ein, und über den knienden Personen befinden sich zwei Schrifttafeln.

Nicht jedes heute sichtbare Detail stammt noch aus der Entstehungszeit. Laut Dehio wurden in Meisenheim 1795 die Köpfe und Arme der beiden Hauptfiguren abgeschlagen und 1896 ergänzt. Wer Gesichtszüge oder Handhaltungen miteinander vergleicht, muss diese Veränderungen berücksichtigen. Mein Vergleich stützt sich deshalb vor allem auf die Gesamtanlage der Werke; eine vollständige restaurierungsgeschichtliche Untersuchung konnte ich nicht leisten.[2]

Bei der Suche begegneten mir weitere Renaissancegrabmäler. Besonders hilfreich war Andreas Weiners Aufsatz „Trierer Bildhauer der Spätrenaissance“. Er beschreibt einen Grabmaltypus, den Trarbach Ende der 1560er-Jahre für die Hohenlohe in Öhringen entwickelte und der in seiner Werkstatt und deren Nachfolge mehrfach aufgegriffen wurde. Genannt werden die Denkmäler für Ludwig Casimir und Anna von 1570 sowie für Eberhard und Agatha von 1573/74. Meisenheim wird ausdrücklich als weiteres Beispiel eingeordnet.[7]

Auch das Epitaph des Albrecht von Esch und der Brigitte von Koppenstein in Sehlem, datiert auf 1575, zeigt kniende Personen unter dem Kreuz. Der Katharinen-Altar in Klausen von 1588 erinnert mich dagegen in seinem architektonischen Aufbau an Voer: vier Säulen, seitliche Figurennischen und ein kleinerer Reliefaufbau darüber. Das große kniende Ehepaar fehlt dort allerdings. Weiner identifiziert den Künstler als Conrad Haar und hält eine frühere Mitarbeit in Trarbachs Werkstatt für wahrscheinlich. Eine Verbindung nach Voer behauptet er nicht.[7]

Diese Beispiele helfen, verbreitete Gestaltungsideen zu erkennen. Meine ursprüngliche Beobachtung blieb trotzdem bestehen: Unter den Werken, die ich betrachtet habe, erinnern mich Voer und Meisenheim in ihrer Gesamtwirkung am stärksten aneinander. Das ist mein persönlicher Eindruck beim Bildvergleich, kein abschließendes kunsthistorisches Urteil.

Eine weitere Spur führte nach Mecklenburg und damit zu Brandin. Er stammte aus Utrecht, ist 1563 in Schwerin nachgewiesen und richtete 1567 eine Werkstatt in Wismar ein. Für den Güstrower Dom schuf seine Werkstatt große Grabmonumente. Nach einer Fachstudie des niederländischen Instituts für Kunstgeschichte RKD waren die knienden Figuren Herzog Ulrichs und Elisabeths 1585 fertiggestellt. Später wurde die Figur der zweiten Gemahlin hinzugefügt. Anders als in Voer und Meisenheim knien diese Personen nebeneinander zum Altar hin.[8]

Auch in Basedow gibt es aufwendige Epitaphien mit knienden Figuren, Säulenarchitektur und religiösen Reliefs. Dehio schreibt sie vorsichtig der Werkstatt Brandins und Claus Midows zu. Darunter sind das Denkmal Bernds XIII. von der Schulenburg und Anna Hahns von 1589 sowie dasjenige Werner Hahns und Anna von der Lühes mit ihrem Sohn Hans von 1594. Die Verbindung von knienden Personen und monumentaler Architektur war also auch in diesem künstlerischen Umfeld vorhanden. Wegen ihrer späteren Datierung sind diese Werke zunächst Vergleichsstücke und nicht ohne Weiteres Vorbilder für Voer.[9]

Besonders interessant ist, dass Brandins Tätigkeit in Dänemark tatsächlich belegt ist. Im Oktober 1587 empfahl Herzog Ulrich ihn dem dänischen König für den Umbau des Schlosses in Nykøbing Falster. Am 19. Juni 1588 wurde er dort als Baumeister angestellt. In den Jahren 1589 bis 1594 reiste er wiederholt dorthin; 1594 starb er in Nykøbing.[5]

Damit gibt es eine tatsächliche Verbindung zwischen seinem mecklenburgischen Wirkungskreis und dänischen Auftraggebern. Für Voer bleibt seine Beteiligung dennoch eine Zuschreibung. Gemeint ist übrigens Nykøbing auf Falster im Süden Dänemarks, nicht Nykøbing Mors am Limfjord.

Könnten Brandin und Trarbach einander gekannt haben? Bei dieser Frage taucht Antwerpen auf.

Die Neue Deutsche Biographie bezeichnet eine Reise Trarbachs dorthin als urkundlich bezeugt, nennt jedoch kein Reisejahr. Die RKD-Studie hält es für möglich, dass Brandin eine Zeit lang in der Antwerpener Werkstatt von Cornelis Floris gearbeitet hat. Zwei gesicherte, zeitlich vergleichbare Aufenthalte ergeben sich daraus nicht. Eine Begegnung konnte ich leider nicht nachweisen.[3][8]

Der sogenannte Floris-Stil bietet einen weiteren kunsthistorischen Zusammenhang. Gemeint ist eine von Cornelis Floris geprägte ornamentale Formensprache der Renaissance, unter anderem mit kunstvoll eingerollten Bandformen. Bei Trarbach beschreibt die Fachliteratur solche Einflüsse und Anregungen durch Druckgrafik. Bei Brandin wird eine mögliche Tätigkeit in Floris’ Werkstatt diskutiert. Dieser gemeinsame Hintergrund kann verwandte Gestaltungen verständlicher machen; er erklärt aber noch nicht die konkrete Ähnlichkeit unserer beiden Grabmäler.[3][8]

Für eine Weitergabe von Ideen wäre eine persönliche Begegnung ohnehin nicht zwingend nötig gewesen. Zeichnungen, Modelle oder wandernde Werkstattmitarbeiter wären ebenfalls denkbare Vermittler. Christensen erwog für Voer, Herman Gertsen könnte ein Modell oder ein halbfertiges Werk Brandins übernommen haben, und verwies auf eine Reise Hermans nach Güstrow 1586. Auch das bleibt eine historische Hypothese. Eine Übermittlung aus Meisenheim ist damit nicht belegt.[6]

Ich wollte schließlich wissen, ob dieser Vergleich längst bekannt ist. Wird Voer in der Literatur über Meisenheim erwähnt oder Meisenheim in Beschreibungen von Voer? In den von mir geprüften Quellen fand ich keinen ausdrücklichen gegenseitigen Verweis. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es ihn nirgends gibt. Nicht alle Veröffentlichungen waren vollständig zugänglich, und eine Archivrecherche oder Auskünfte von Fachleuten vor Ort gehören bislang nicht zu dieser Spurensuche.

Im Laufe meiner kleinen Untersuchung begegneten mir also weitere Renaissancegrabmäler mit knienden Figuren, Kreuzigungsszenen und kunstvollen Aufbauten. Dennoch blieb für mich gerade die Ähnlichkeit zwischen den Grabmälern in Voer und Meisenheim besonders eindrücklich. Sie war der Ausgangspunkt und bleibt der Kern meiner Frage.

Meisenheim ist das ältere Werk. Ob sein Entwurf bis nach Dänemark wirkte, ob Künstler oder Werkstattmitarbeiter Gestaltungsideen weitergaben oder ob beide Monumente auf gemeinsame Vorbilder zurückgehen, konnte ich nicht klären.

Was mit einem zufälligen Blick in die Zeitung meiner alten Heimat begann, hat meinen Blick auf ein Kunstwerk meiner neuen Heimat verändert. Vielleicht greifen nun Fachleute diese Beobachtung auf und entschlüsseln, ob hinter der verblüffenden Ähnlichkeit tatsächlich eine bislang übersehene Verbindung steckt.

Quellen

1. Andrea Dittgen: „Er brachte nicht nur die Reformation voran“, DIE RHEINPFALZ, 26. September 2026, „Ihr Wochenende“. Grabmalfoto: Eric Sayer. Vorliegender Zeitungsausschnitt.

2. Dehio: Meisenheim, Evangelische Schlosskirche.

3. Eberhard Zahn: Johann von Trarbach, Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 573–574.

4. Frederik Thede: Voer Kirke - Brønderslev Kommune, Lex.

5. Birgitte B. Johannsen / Fr. Weilbach: Philipp Brandin, Dansk Biografisk Leksikon.

6. P. Christensen: Voergaard. Historisk-topografisk beskrevet, Hjørring 1930, insbesondere S. 112–122.

7. Andreas Weiner: Trierer Bildhauer der Spätrenaissance, Trierer Zeitschrift 67/68 (2004/05), S. 283–313, insbesondere S. 284–290, 295–297 und 310–313. Vollständige PDF eingesehen.

8. RKD Studies: Netherlandish Sculptors in Mecklenburg, in: Masters of Mobility, Abschnitt 4.2.

9. Dehio: Basedow, Evangelische Kirche.

Weiterführende Literatur - bibliografisch ermittelt, nicht vollständig eingesehen

● Wolfgang Schmid: Grab und Residenz - Meisenheim am Glan im 16. Jahrhundert. In: Viatori per urbes castraque. Festschrift für Herwig Ebner zum 75. Geburtstag, Graz 2003, S. 573–610.

● Wolfgang Schmid: Das Grabmal Herzog Wolfgangs von Pfalz-Zweibrücken († 1569) in der Schloßkirche zu Meisenheim – Ein Werk des Bildhauers Hans von Trarbach. In: 1504–2004. Schlosskirche Meisenheim, Speyer 2003, S. 253–286.

● Carsten Neumann: Die Renaissancekunst am Hofe Ulrichs zu Mecklenburg. Kiel 2009.

https://www.rheinpfalz.de/kultur_artikel,-vor-500-jahren-wurde-pfalzgraf-wolfgang-geboren-_arid,5932702.html

Was mit einem zufälligen Blick in die Zeitung meiner alten Heimat begann, hat meinen Blick auf ein Kunstwerk meiner neuen Heimat verändert.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.