Das Glück der Berge 12. Dezember 2025
Ich habe beim Schreibwettbewerb des Alpenvereines mitgemacht und gestern wurden die Gewinner präsentiert. Ich habe zwar nicht den ersten Preis erhalten, aber dennoch war meine Geschichte so gut, dass ich eine Einladung erhalten habe um sie selbst zu präsentieren und beim Festakt vorzutragen.
Da die Reise einfach allerdings mehr als 1300 km sind wurde die Geschichte von jemand anderem vorgelesen. Trotzdem bin ich richtig stolz und hier dürft ihr daran teilhaben:
Das Glück der Berge - oder wie ich sie nach Dänemark brachte
Manchmal, so sagt man, passieren die größten Abenteuer, wenn man gar nicht danach
sucht.
Ich zum Beispiel, ein Mensch mit Sehnsucht nach Höhen, nach Schnee auf den Gipfeln
und nach dem Echo, das zwischen Felsen tanzt, bin plötzlich in Dänemark gelandet.
Ein Land, das so flach ist, dass schon ein Maulwurfshügel als Aussichtspunkt gilt.
Wie das kam?
Naja, manchmal muss man nicht nur seinem Herzen, sondern auch dem Ruf der Arbeit
folgen.
Plötzlich geht alles schnell: ein Jobangebot, ein Umzug, Kisten packen - und ehe man sich
versieht, ist man in einem anderen Land. In einem neuen Leben.
Zunächst ist man in einer unglaublichen Euphorie.
Alles fühlt sich aufregend an, neu und glänzend, wie frisch poliertes Tafelsilber.
Doch irgendwann kommt das Erwachen.
Eines Morgens stand ich also auf, schaute aus dem Fenster und sah: Meer.
Weit, ruhig, endlos.
Keine Berge, keine Täler, keine Klettersteige.
Nur Himmel, Wellen und ein paar sehr zufriedene Kühe.
„Na gut“, dachte ich, „dann eben Küsten statt Gipfel.“
Aber jede Nacht träumte ich von meinen Bergen.
Ich sah sie ganz deutlich: die Sonne, wie sie hinter schroffen Kanten verschwindet, das
kühle Gestein unter meinen Händen, das fröhliche Pfeifen der Murmeltiere - oder vielleicht
war’s nur mein schnarchender Nachbar…
Morgen für Morgen wurde mein Herz schwerer.
Und Abend für Abend freute ich mich auf meine Träume. Dann kletterte ich wieder über
steile Felsen, den Gipfeln entgegen und vergaß für ein paar Stunden den flachen Alltag
Dänemarks.Und dann geschah etwas Sonderbares.
Ich wachte eines Morgens auf und vor meinem Fenster erhob sich … ein Berg!
Nun ja, zumindest fast.
Es war eher ein sehr ambitionierter Sandhaufen, den der Wind über Nacht
zusammengeblasen hatte.
Aber in der Morgensonne glänzte er golden, und ich schwöre, er sah mich an, als wolle er
sagen:
„Na? Zufrieden?“
Ich war begeistert - und nannte ihn „Wikingerwand“.
Von da an baute ich täglich ein bisschen weiter.
Ein Eimer Sand hier, ein paar Muscheln dort, ein bisschen Kies und auch ein paar
ordentliche Steinbrocken.
So ging es das ganze Frühjahr. Nach der Arbeit schleppte ich Erde, Steine und Geröll und
ließ die Erhebung wachsen.
Und ich baute auch den Sommer über. Tag für Tag, wenn die Sommergäste in ihren
Strandkörben lümmelten, vergrößerte ich meinen Himmelsbuckel.
Wie herrlich waren doch die Herbststürme, die mit ihren Winden noch mehr Sand und Kies
zum Bau lieferten.
Die Nachbarn hielten mich zunächst für etwas verrückt, doch bald kamen sie mit ihren
Schaufeln und halfen mit.
So ging das Jahr zu Ende, und am Silvesterabend war da an der Küste im nördlichsten
Teil von Dänemark ein ganz beachtlicher Berg gewachsen.
Die unerschütterliche Nachbarschaftsbrigarde kam mit ihren Bollerwagen an und sorgte
mit Pølser und Glühwein - der hier Gløgg heißt - für unser leibliches Wohl.
Einer brachte sogar eine dänische Fahne mit, die wir stolz auf die Schwindelspitze
pflanzten, gleich neben dem Gipfelkreuz aus Treibholz.
Und als die Glocken von Kopenhagen das „Neue Jahr“ verkündeten, saßen wir alle obenauf meinem kleinen Berg, sahen übers Meer und lachten.
Da wusste ich: Das Glück der Berge steckt nicht in der Höhe.
Es steckt im Herzklopfen, im gemeinsamen Lachen - und manchmal auch in einem
Haufen Sand, der hoch genug ist, um die Welt von oben zu sehen.