Fastelavn in Dänemark - wenn Piraten das Gemeindehaus entern
15. Februar 2026
Fasching, Karneval, Fastnacht... So kennt man in Deutschland das bunte Treiben zur fünften Jahreszeit. Umzüge mit Motivwagen, laute Musik, kostümierte Menschenmassen und ausgelassenes Feiern auf den Straßen. Doch wer denkt, dass es in Dänemark ähnlich zugeht, erlebt eine Überraschung.
Fastelavn, das dänische Pendant zum Fasching, ist eine ganz andere Welt. Hier gibt es keine großen Straßenparaden, keine Prunksitzungen und keine närrischen Rufe. Stattdessen erwartet einen ein Fest, das vor allem eines ist: familienfreundlich, gemütlich und voller echter Gemeinschaft. Hygge eben... Heute durfte ich wieder einmal erleben, wie wunderschön diese dänische Tradition ist.
Schon als wir uns auf den Weg zum Versammlungshaus unserer Gemeinde machten, spürte ich das besondere Kribbeln. Denn etwas Neues kam auf mich zu. Bisher hatte ich Fastelavn nur vom Hörensagen gekannt. Der Pfarrer hatte zu einem Fastelavn-Gottesdienst eingeladen, und ich war gespannt, was uns erwarten würde. Als wir ankamen, traute ich meinen Augen kaum: Das Gemeindehaus war gut gefüllt mit Familien und ihren Kindern und überall sah man verkleidete kleine und große Kinder. Allerdings keine verkleideten Erwachsenen.
Das diesjährige Motto lautete „Piraten”, und es wurde mit beeindruckender Konsequenz umgesetzt. Als der Pfarrer erschien, musste ich schmunzeln: Er hatte sich tatsächlich als Seeräuber verkleidet mit Dreispitz. Auch der Organist, mein Ehemann, hatte sich dem Motto verschrieben und saß in voller Piratenmontur an seinem Klavier. Das absolute Highlight war jedoch der Plüschpapagei, der auf der Schulter des Pfarrers thronte und während des gesamten Gottesdienstes seine Position behielt.
Die Atmosphäre war unbeschreiblich warm und fröhlich. Kinder kicherten, Eltern lächelten, und die Stimmung war von einer Herzlichkeit geprägt, die mich wieder einmal daran erinnerte, warum ich das Leben hier so liebe.
Nach dem Gottesdienst begann der Teil des Festes, auf den die Kinder am meisten gewartet hatten: das Fassschlagen, auf Dänisch „slå katten af tønden”. Diese Tradition gehört zu Fastelavn wie der Tannenbaum zu Weihnachten, und die Aufregung bei den Kleinen ist jedes Jahr aufs Neue riesig.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Ein bunt bemaltes Fass wird aufgehängt, und die Kinder schlagen abwechselnd mit einem Stock darauf ein, bis es zerbricht und die Süßigkeiten herausregnen. Jedes Kind bekommt genau einen Schlag, dann ist das nächste an der Reihe. Die Runde dreht sich so lange, bis endlich das ersehnte Krachen ertönt und Bonbons und Schokolade auf den Boden prasseln.
Was heute so unschuldig und fröhlich daherkommt, hat allerdings einen historischen Hintergrund, der einem einen Schauer über den Rücken jagt: Früher war in dem Fass tatsächlich eine lebende Katze eingesperrt. Wenn man den Kindern dabei zusieht, wie begeistert sie auf das Fass eindreschen, mag man sich gar nicht ausmalen, wie diese Tradition ursprünglich aussah. Zum Glück ist davon heute nur noch der Name geblieben und die Katze wurde schon vor langer Zeit durch Süßigkeiten ersetzt.
Bei unserem Fest war alles perfekt organisiert: Für die ganz Kleinen hing das Fass extra niedrig, damit auch sie eine echte Chance hatten, es zu treffen. Die größeren Kinder bekamen ein höher hängendes Fass und so hatte jeder seinen Spaß und niemand fühlte sich benachteiligt. Die Spannung stieg mit jedem Schlag, bis schließlich das Pappmache platzte und ein bunter Regen aus Leckereien die Kinder in Jubel ausbrechen ließ.
Nachdem die Aufregung sich etwas gelegt hatte und die Beute gerecht verteilt war, versammelten sich alle zu einem gemütlichen Beisammensein. Es gab Kaffee für die Erwachsenen und für alle, ob groß oder klein, das traditionelle Gebäck zu Fastelavn: Fastelavnsboller.
Diese dänischen Köstlichkeiten sind etwas ganz Besonderes. Sie bestehen aus lockerem Brandteig, der in der Mitte mit einer himmlischen Kombination aus Himbeermarmelade, cremigem Vanillepudding und Schokolade gefüllt ist. Obendrauf kommt eine großzügige Portion Sahne. Nicht gerade kalorienarm, aber absolut unwiderstehlich. Nach all der Action war das genau die richtige Belohnung.
Während wir gemeinsam aßen und tranken, plauderten die Eltern miteinander, die Kinder erzählten aufgeregt von ihren besten Schlägen, und ich genoss einfach nur diesen Moment der Gemeinschaft. Es sind diese kleinen, unaufgeregten Feste, die das Leben hier in Dänemark so besonders machen.
Im Gegensatz zum deutschen Karneval mit seinen lauten Zügen und ausgelassenen Straßenpartys ist Fastelavn ein Fest der Ruhe und Besinnlichkeit. Es geht nicht um Spektakel oder Exzess, sondern um Tradition, Familie und das Miteinander. Kinder stehen im Mittelpunkt, nicht der Alkohol. Es wird gelacht und gefeiert, aber auf eine Art, die niemanden ausschließt und alle einbezieht.
Diese dänische Art zu feiern, gemeinschaftlich, herzlich, mit Tradition und doch unaufgeregt hat mich von Anfang an fasziniert. Fastelavn ist kein Event, das man konsumiert. Es ist ein Fest, das man gemeinsam gestaltet und das vor allem eines schafft: echte Verbundenheit.
Wie schön, dass wir hier leben dürfen. In einem Land, in dem Feste nicht laut sein müssen, um unvergesslich zu sein.