Heimat ist kein Vergleich: Warum die Pfalz keine „Toskana” sein muss
Manchmal ist es ein Segen, mit ein wenig Distanz auf die alte Heimat zu blicken. Auch wenn ich schon einige Zeit im Norden lebe, gehört der morgendliche Blick in die digitale Ausgabe meiner alten Heimatzeitung aus Rheinland-Pfalz fest zu meinem Ritual. Es ist die Verbindung zu den Wurzeln, zu den Orten, an denen ich jeden Stein kenne.
Doch am letzten Wochenende blieb ich an einer Überschrift hängen, die mich stutzen ließ. Da war er wieder, dieser unnötige Satz: Die diesjährige Weinwanderung sei wie ein „Kurzurlaub in der Toskana” gewesen.
Warum eigentlich unnötig?
Ich finde das, um es ehrlich zu sagen, ziemlich schräg. Warum können wir uns nicht einfach über die Schönheit und das wunderbare Klima der Pfalz freuen, ohne direkt ein italienisches Etikett darauf zu kleben? Haben wir es verlernt, stolz auf das zu sein, was direkt vor unserer Haustür liegt?
Ist es die Einbahnstraße der Sehnsucht? Stellen wir uns das Ganze einmal umgekehrt vor. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass in der Gegend um Florenz oder an der ligurischen Küste ein Winzer nach einem sonnigen Tag sagt: „Mensch, das war herrlich heute, ich habe mich fast wie in Rheinland-Pfalz gefühlt”? Wohl kaum.
Das ist das Paradoxe daran: Wir suchen im Eigenen immer das Bessere, das Fremde, das Exotische. Dabei hat die Pfalz das gar nicht nötig. Die schroffen Burgen, die sandsteinfarbenen Dörfer, die Steillagen, die uns im Herbst den Atem rauben: das ist eine ganz eigene, urwüchsige Qualität. Wenn wir es „Toskana” nennen, machen wir aus einem Original eine Kopie.
Ein Blick nach Norden: Hier oben in Skandinavien beobachte ich oft ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Wenn der Wind über die Küste peitscht und die Landschaft karg und rau ist, dann wird das nicht als Mangel an Mittelmeer-Feeling beklagt. Im Gegenteil: Man ist stolz auf das Raue, das Echte, das Unverwechselbare. Man nennt die Dünen nicht die „Sahara des Nordens”, sondern feiert sie genau so, wie sie sind.
Vielleicht fehlt uns in Deutschland manchmal dieses Rückgrat. Wir haben eine reiche Kultur und eine Landschaft, die weltweit ihresgleichen sucht.
Ich bin nicht ausgewandert, weil ich meine Heimat nicht liebe. Im Gegenteil. Ich liebe dieses Land, die Menschen, dieses Klima. Aber gerade aus der Ferne sehe ich, wie schade es ist, wenn man die eigene Identität hinter Vergleichen versteckt.
Zurück zum Pfälzer Lied ... Ich erinnere mich noch gut daran, wie man früher mit einem ganz anderen Selbstverständnis „Pfälzer” war. Da wurde das Pfälzer Lied gesungen, nicht weil man so tun wollte, als wäre man in Italien, sondern weil man genau dort sein wollte, wo man war.
Die Pfalz braucht kein italienisches Kostüm, um glänzen zu können. Sie ist am schönsten, wenn sie einfach sie selbst ist: pfälzisch, bodenständig und mit einem Klima gesegnet, um das uns viele beneiden, ganz ohne Marketing-Sprech!
Lasst uns 2027 einfach wieder eine Weinwanderung in der Pfalz machen. Und nicht in einer Kopie der Toskana.