Es ist jedes Jahr dasselbe.
Gegen Ende der Urlaubssaison häufen sich in den einschlägigen Gruppen, Foren und sozialen Medien die Beiträge deutscher Dänemarkurlauber, die nach zwei Wochen Ferien zwischen Nordsee, Hotdog und Sonnenuntergang plötzlich feststellen:
Wir wandern aus!
Dänemark ist so schön. Die Menschen sind so entspannt. Alles ist sauberer, ruhiger, freundlicher und überhaupt viel besser.
Man hat sich verliebt.
Das ist irgendwie menschlich. Urlaub hat schließlich die angenehme Eigenschaft, dass man morgens nicht zur Arbeit muss und auch die Rechnung für die Ferienhausheizung erst später bekommt.
In diesem Jahr aber war etwas anders.
Rund um die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt schien der Wunsch, Deutschland möglichst schnell den Rücken zu kehren, noch einmal erheblich zuzunehmen.
Und besonders erstaunlich fand ich, wer da alles plötzlich nach Dänemark auswandern wollte.
Da waren auf der einen Seite diejenigen, für die schon die Vorstellung eines starken Wahlergebnisses der AfD offenbar Grund genug war, über die Flucht aus Deutschland nachzudenken.
Und auf der anderen Seite diejenigen, die gerade wegen eines Erfolges der AfD erklärten, nun endlich Deutschland verlassen und nach Dänemark ziehen zu wollen.
Am vergangenen Sonntag wurde die AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent tatsächlich stärkste Kraft. Eine absolute Mehrheit im Landtag hat sie allerdings nicht erreicht.
Und während in Deutschland nun wieder leidenschaftlich darüber gestritten wird, was dieses Ergebnis bedeutet, entsteht beim Beobachten manchmal der Eindruck, als gäbe es für einen Teil der Deutschen nur noch ein einziges politisches Thema:
die AfD.
Die einen arbeiten sich an ihr ab, weil sie sie für den Untergang Deutschlands halten.
Die anderen arbeiten sich an ihr ab, weil sie glauben, nur diese Partei könne Deutschland noch retten.
Und irgendwo dazwischen müsste eigentlich noch ein ganzes Land liegen.
Deutschland besteht übrigens aus mehr als einer Partei.
Und natürlich darf man über politische Entwicklungen besorgt sein.
Selbstverständlich darf man darüber diskutieren, wie Deutschland regiert wird, wie Migration organisiert werden soll, wie innere Sicherheit gewährleistet werden kann oder warum Veranstaltungen heute teilweise mit schweren Betonpollern geschützt werden, die man vor einigen Jahrzehnten dort noch nicht gebraucht hat.
Man darf diese Veränderungen benennen.
Man darf sie auch kritisieren.
Was mir jedoch immer mehr missfällt, ist diese Bereitschaft, ein ganzes Land und seine Bevölkerung ständig in politische Farbtöpfe zu werfen.
Grau. Rot. Grün. Braun.
Wer bestimmte Probleme anspricht, wird in eine Ecke gestellt.
Wer andere Probleme anspricht, landet in der nächsten.
Und wer irgendwann genug von diesem permanenten Lagerdenken hat, erklärt kurzerhand:
Dann gehe ich eben nach Dänemark.
Mit wehenden Fahnen sozusagen.
Nur:
Mit welcher Fahne eigentlich?
Mit der deutschen?
Das wäre bereits die nächste interessante Diskussion.
Denn während die dänische Fahne hier selbstverständlich an Geburtstagen, vor Häusern, auf Festen und bei allen möglichen Gelegenheiten zu sehen ist, bekommt ein Deutscher beim Schwenken der eigenen Nationalflagge außerhalb eines Fußballturniers schnell das Gefühl, dafür zunächst eine politische Erklärung mitliefern zu müssen.
Also wird bei der Auswanderung vielleicht gleich der Dannebrog eingepackt?
Ganz so einfach ist es leider nicht.
Denn bevor man sich eine neue Fahne schnappt, wäre es vielleicht ganz hilfreich zu wissen, in welches Land man eigentlich ziehen möchte.
Dänemark ist nämlich nicht das bessere Deutschland
Das ist möglicherweise der größte Irrtum vieler deutscher Dänemarkfans.
Dänemark ist kein Deutschland mit hübscheren Stränden, weniger Bürokratie und glücklicheren Menschen.
Dänemark ist ein anderes Land.
Mit einer eigenen Geschichte.
Mit einer eigenen Kultur.
Mit einer eigenen Sprache.
Und mit einer eigenen politischen Haltung.
Gerade beim Thema Einwanderung würde sich so mancher deutsche Auswanderungswillige vermutlich verwundert die Augen reiben, wenn er sich einmal genauer damit beschäftigen würde.
Die dänische Politik verfolgt seit Jahren einen vergleichsweise strikten Kurs in der Migrations- und Integrationspolitik. Und das ist keineswegs ausschließlich ein Anliegen einer kleinen Partei am äußersten rechten Rand.
Auch die dänischen Sozialdemokraten vertreten ausdrücklich das Ziel, die Zuwanderung zu kontrollieren, abgelehnte Asylbewerber konsequenter zurückzuführen und kriminelle Ausländer leichter ausweisen zu können. Die Regierung arbeitet außerdem weiter an Modellen für Aufnahme- beziehungsweise Ausreisezentren außerhalb Europas.
Wer deutsche Politik gewohnt ist, sollte diesen Satz vielleicht noch einmal lesen:
Wir sprechen hier von Sozialdemokraten.
Nicht von einer dänischen AfD.
Genau das ist einer der wesentlichen Unterschiede.
Bestimmte politische Positionen, die in Deutschland sofort einem bestimmten politischen Lager zugerechnet werden, verlaufen in Dänemark entlang ganz anderer Linien.
Dänemark hat über Jahre einen relativ breiten politischen Konsens darüber entwickelt, dass ein Wohlfahrtsstaat nur funktionieren kann, wenn Migration steuerbar bleibt und Integration tatsächlich eingefordert wird.
Das kann man richtig finden.
Man kann es aber auch falsch finden.
Aber wer nach Dänemark auswandern möchte, sollte wenigstens wissen, dass es so ist.
Willkommen heißt nicht: Mach einfach weiter wie bisher
Natürlich können Deutsche nach Dänemark ziehen.
Als Bürger der Europäischen Union genießen sie Freizügigkeitsrechte. Wer die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt, kann hier leben und arbeiten.
Aber daraus sollte man nicht die Vorstellung ableiten, Dänemark warte sehnsüchtig auf jeden Deutschen, der gerade mit seinem Heimatland unzufrieden ist.
Einwanderung bedeutet nämlich nicht:
Ich ziehe nach Dänemark, weil Deutschland mir nicht mehr gefällt, und Dänemark soll nun bitte genauso funktionieren, wie ich es mir vorstelle.
Wer hier leben möchte, sollte sich vielmehr irgendwann die umgekehrte Frage stellen:
Was kann ich tun, damit ich hier dazugehöre?
Dazu gehört die Sprache.
Und ja, Dänisch ist schwieriger, als nach drei Urlauben „Hej“, „Tak“ und „to øl“ sagen zu können.
Dazu gehört, die gesellschaftlichen Gepflogenheiten kennenzulernen.
Dazu gehört, nicht permanent Deutschland als Maßstab zu benutzen.
Dazu gehört, die dänische Kultur nicht nur dann toll zu finden, wenn Hygge, Kerzen und Zimtschnecken gemeint sind.
Und dazu gehört irgendwann auch, zu akzeptieren, dass die Dänen ihr Land selbst gestalten.
Auch politisch
Hier wartet auf deutsche Auswanderer noch eine kleine Überraschung.
Wer als Deutscher nach Dänemark zieht, darf nicht einfach bei der nächsten Parlamentswahl mitbestimmen, welche Regierung dieses Land bekommt.
Für die Wahl zum Folketing, dem dänischen Parlament, braucht man die dänische Staatsbürgerschaft.
Als deutscher EU-Bürger kann man dagegen bei Kommunal- und Regionalwahlen in Dänemark wählen und unter den geltenden Voraussetzungen auch an der Europawahl teilnehmen.
Das ist eigentlich eine ganz interessante Konstellation.
Man kann nach Dänemark ziehen, weil einem die politische Entwicklung in Deutschland nicht gefällt und stellt dann fest, dass man die nationale Politik seines neuen Landes zunächst überhaupt nicht mitbestimmt.
Und vielleicht steckt darin sogar eine ganz gesunde Botschaft:
Erst einmal ankommen.
Beobachten.
Zuhören.
Die Sprache lernen.
Das Land verstehen.
Und nicht schon nach vier Wochen erklären, was die Dänen alles anders machen müssten.
Denn Dänemark ist Dänemark
Vielleicht liegt genau darin etwas, das viele Deutsche an diesem Land so mögen, ohne zu wissen, warum.
Dänemark hat ein vergleichsweise unverkrampftes Verhältnis zu sich selbst.
Der Dannebrog hängt nicht automatisch für eine politische Haltung.
Er gehört zum Land.
Man kann sein Land mögen, ohne deshalb jeden Beschluss seiner Regierung gutzuheißen.
Man kann über Migration sprechen, ohne deshalb jeden Einwanderer abzulehnen.
Man kann Einwanderer willkommen heißen und gleichzeitig erwarten, dass Menschen, die dauerhaft hier leben wollen, sich um Sprache, Arbeit, gesellschaftliche Teilhabe und Integration bemühen.
Und man kann ausgesprochen freundlich zu Ausländern sein und trotzdem sagen:
Das hier ist Dänemark.
Vielleicht wäre genau diese Gelassenheit etwas, das Deutschland im Moment gebrauchen könnte.
Nicht immer sofort weglaufen.
Nicht jeden Menschen nach seiner politischen Farbe sortieren.
Nicht bei jeder Wahl den Untergang des Abendlandes ausrufen.
Und vor allem nicht glauben, dass hinter der nächsten Landesgrenze ein politisches Paradies wartet.
Denn natürlich darf man nach Dänemark auswandern.
Man darf sich in dieses Land verlieben.
Wir haben es schließlich selbst getan.
Aber man sollte nicht nach Dänemark kommen, um vor Deutschland davonzulaufen.
Man sollte nach Dänemark kommen, weil man in Dänemark leben möchte.
Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Und bevor man mit wehenden Fahnen über die Grenze zieht, sollte man vielleicht tatsächlich einmal nachsehen, welche Fahne man da eigentlich in der Hand hält.